Der Froschkönig Und die grosse Lüge vom Küssen
Von Kindesbeinen an sammelte ich Froschkönige in allen erdenklichen Formen, Farben und Variationen. Sie bevölkerten mein Zimmer, so platziert, dass stets mindestens einer in meinem Blickfeld war.
Auch nach dem Auszug aus dem Elternhaus führte ich diese Tradition fort. Der Froschkönig war so allgegenwärtig wie mein inniger Wunsch nach einer Beziehung; er wanderte vom Kinderzimmer auf den imaginären Altar meiner unerfüllten Sehnsucht. Götzengleich stand er dort, Symbol einer hartnäckigen Hoffnung: Irgendwann würde der Traummann erscheinen. Irgendwann müsste sich einer dieser Deppen zwangsläufig in einen Prinzen verwandeln. Wenn ich nur bereit wäre, die Frösche zu küssen. Und das war ich. Denn Märchen können doch wahr werden, oder?
Märchen prägen nicht nur unsere Fantasie, sondern auch unseren Blick auf die Welt. Die Macht ihrer Bilder übertrifft jene der Worte. Das bekannte Bild des Froschkönigs vermittelt uns eine klare Botschaft: Sei lieb, halte aus, gib nicht auf – dann wirst du belohnt.
Echt jetzt?


Hätte mein jüngeres Ich doch nur die ursprüngliche Version dieses Märchens gekannt. Nicht die weichgespülte Variante, die sich so wunderbar vermarkten lässt – es grüsst mein Fundus von Froschkönig-Figuren und die allererste Dating-App, auf der ich mich angemeldet hatte. Auch sie warb mit dem Symbol eines Froschkönigs. Ja, wer weiss, wie mein (Liebes-)Leben dann verlaufen wäre.
Die ursprüngliche Version des Märchens, fragst du?
Die geht so: Die Prinzessin befindet sich in einer Notsituation. Ihre goldene Kugel ist verloren gegangen. Der Frosch bietet Hilfe an, jedoch nicht umsonst. Mit ihrem Angebot der Gegenleistung in Form all ihrer materiellen Schätze ist er nicht einverstanden und nennt seinen eigenen Preis: ihre Freundschaft. Einen Platz an ihrer Seite. Nicht nur am Tisch, sondern auch in ihrem Bett.
Die Prinzessin stimmt zu, jedoch nicht aus echtem Einverständnis, sondern aus Mangel an Alternativen.
Was hier sichtbar wird, ist ein Muster, das dir vielleicht auch vertraut ist: ein Versprechen, das nicht aus freiem Willen entsteht, sondern unter Druck. Aus Angst, zu widersprechen und aus der Hoffnung, eine schwierige Situation irgendwie zu retten.
Kaum hält sie die goldene Kugel wieder in den Händen, ergreift die Prinzessin die Flucht. Der Frosch verfolgt sie bis nach Hause, fordert die Einlösung des Versprechens. Und der König – Sinnbild für Autorität und die internalisierten Erwartungen von aussen – erinnert die Prinzessin an ihr Wort. Ein Versprechen ist ein Versprechen, ungeachtet der Umstände.
Also tut sie, was von ihr erwartet wird. Bis zum Schluss, bis der Frosch die allerletzte Grenze überschreitet: die Forderung, in ihrem Bett zu schlafen.
Soweit dürfte dir die Geschichte bekannt sein. Und vielleicht ahnst du, was jetzt kommt: Der Kuss. Der märchenhafte Kuss. Die Erlösung.
Tja. Plot Twist!

Die ursprüngliche Geschichte kulminiert nicht im Kuss, sondern in einem sprichwörtlichen Befreiungsschlag: Die Prinzessin schmettert die impertinente Kreatur mit voller Wucht an die Wand.
Und spannenderweise ist genau das der Moment der Erlösung des Prinzen.
Der Fluch, der auf dem Prinzen lag, bricht nicht durch grenzenlose Hingabe, sondern durch kristallklare Selbstermächtigung der Prinzessin. Erst die Entscheidung, ihrer inneren Grenze endlich und unmissverständlich Ausdruck zu verleihen, ermöglicht die Transformation.
So ist der Froschkönig mitnichten ein Märchen über tugendhafte Sittsamkeit. Vielmehr erzählt er von der Verwechslung von Moral und Selbstverleugnung. Er ist eine Meisterklasse im Grenzen setzen und darüber, was möglich wird, wenn wir unsere Bedürfnisse ernst nehmen und für sie einstehen. Das macht uns potenziell unbequem und ungefügig – was sich wiederum schlecht kommerzialisieren lässt.
Übrigens: Mein Wunsch nach einer glücklichen Beziehung ging vor einigen Jahren in Erfüllung. Spannenderweise genau zu der Zeit, in der ich meinen Fokus weg vom Gefallen-wollen hin zu mir selbst richtete. Eine Zeit, in der ich mir meiner eigenen Muster und Grenzen bewusst wurde und lernte, was ich nicht länger akzeptieren werde. Mein Liebster begegnete mir kurz nach meinem Entschluss, mir selbst einen Diamantring zu schenken, statt darauf zu warten, dass ein Mann das für mich tut.
Und das, finde ich, ist doch wirklich märchenhaft.
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Auf meinem Märli-Podcast erzähle ich dir dieses Jahr meine liebsten Märchen der Gebrüder Grimm, wie du sie noch nie gehört hast. Weg mit dem Biedermeier-Mief, her mit zeitgemässen Bildern!
Klingt aufregend? Ist es auch. Es ist mir ein grosses Anliegen, diese Geschichten zu erzählen. Und zwar so, dass sie in unsere Zeit passen, ohne ihre Symbolik zu verlieren. Das Eintauchen in diese Geschichten hat mich in den letzten Monaten stets begleitet; lange habe ich die Märchenbilder auf mich wirken lassen, um tiefe Weisheit von moralischem Zeitgeist zu entflechten. In meinem Blog teile ich meine liebsten Erkenntnisse.
Höre meine Version des Märchens vom Froschkönig hier auf maerlipodcast.ch
