Rotkäppchen Re-imagined und die Botschaft der Wölfin
Dieses Jahr erzähle ich auf meinem Märli-Podcast meine liebsten Märchen der Gebrüder Grimm unter dem Motto «Alte Geschichten neu erzählt». Bei den meisten Märchen waren meine Anpassungen eher ein sanftes Entstauben, sozusagen das Ersetzen der gepuderten Biedermeier-Perücke durch luftige Beach Waves.
Das funktionierte fantastisch, bis ich Rotkäppchen begegnete. Innerlich sträubte sich alles in mir: Das naive Mädchen. die hilflose Grossmutter. Schlussendlich die Rettung durch den Mann. Nein, das konnte und wollte ich nicht erzählen. Und doch gab es etwas, das mich an diesem Mädchen in den Bann zog… Doch was?
Ich machte mich auf die Suche und landete bei der Frage, ob Rotkäppchen wirklich der Märchen-manifestierte Mahnfinger für kleine Mädchen ist, und der Wolf die Verkörperung der Verführung und des Bösen. Das fühlte sich einfach nicht richtig an. So machte ich mich auf die Suche nach anderen Versionen, die mehr das ausdrückten, was ich in diesem Märchen spürte und noch nicht greifen konnte. Bei der Lektüre von Ursula Seghezzi und ihrem kritischen kulturhistorischen Blick auf die Grimm-Märchen kam ich meinem eigenen Gefühl immer mehr auf die Spur.


Innerlich noch immer unterwegs mit diesem Märchen, verbrachte ich einen Tag mit meinem zehnjährigen Patenkind. Ihre verspielte Natürlichkeit, ihr ungetrübter Blick auf die Welt faszinierte und berührte mich zugleich. Würde ich diesem Mädchen tatsächlich Angst machen wollen? Liegt das Ziel nicht vielmehr darin, Kindern – gerade Mädchen – einen Zugang zu ihrer eigenen Stärke, ihrer inneren Kraft zu vermitteln, dass sie den Kontakt zur Ressource ihrer inneren Stimme nie verlieren werden? Ist das nicht auch Teil des Sensoriums für die Erkennung von Gefahren, und sogar wertvoller als die Angst?
Stück für Stück klärte sich das Märchenbild und meine eigene Version entstand.
(Selbstverständlich im vollsten Bewusstsein für die Gefahr, damit bei Märchen-Puritanerinnen und Grimm-Dogmatikern in Ungnade zu fallen. Allen, die beim schieren Gedanken an die Beanspruchung solcher künstlerischer Freiheiten Schnappatmung bekommen, wünsche ich von Herzen einen entspannten Kiefer und die Gelassenheit, über meine Arbeit einfach hinwegzusehen.)
(Und wenn du jetzt weiterliest: Achtung Spoiler!)
Zuerst erlangte ich Klarheit über das Symbol des Wolfs. Unerwartet taucht er mitten im Wald auf Rotkäppchens Weg auf. Doch ist der Wolf wirklich unheimlich und böse? Vielleicht denken wir so über ihn, weil wir das fürchten, was wir nicht kennen, verstehen oder kontrollieren können. Ich fragte mich, was also möglich wird durch diese Begegnung, wenn wir den Wolf als das ansehen, was er im Grunde ist: Ein wildes Tier. Könnte der der Wolf (oder für mich: die Wölfin) ein Symbol sein für die Wildheit und Freiheit, die uns – besonders den Mädchen – sprichwörtlich aberzogen wird?
Apropos Mädchen: Für mich ist Rotkäppchen kein kleines, schutzbedürftiges Kind mehr. Der rote Umhang symbolisiert in meiner Wahrnehmung vielmehr die Menarche; Rotkäppchen ist bereits im Übergang vom Kind zur Frau. Also genau in dem Alter, in dem wir oft noch den Kontakt zu unserer natürlichen Wildheit haben, bevor wir sie auf dem Altar der Zugehörigkeit opfern und vollends gezähmt und domestiziert werden.


Die Mutter ist für mich das Symbol genau dieser Häuslichkeit; Sicherheit ist ihr höchstes Ziel und sie ist stets darum bemüht, dass es Generationen vor und nach ihr ihr gleichtun. Rotkäppchen ist noch folgsam, die Grossmutter hingegen lässt sich nicht beeinflussen. Sie lebt als freie Frau mitten im Wald, in Verbundenheit mit der Natur, kümmert sich keinen Deut um die Meinungen der Dorfleute – und ist bestens bekannt mit der Wölfin.
Die Wölfin lädt Rotkäppchen bei ihrer Begegnung ein, ihre Freiheit in Anspruch zu nehmen. Mit ihrem Inneren, ihren Wünschen und Bedürfnissen in Kontakt zu treten. Zu vergessen, was die Mutter ihr aufträgt und stattdessen ihrer Lust zu folgen. Wie aufregend und erfüllt die Welt ist, die Rotkäppchen daraufhin entdeckt, fernab des ausgetretenen Weges! Und siehe da: Als sie sich auf ihr Ziel zurückbesinnt, wird sie wie von Zauberhand dorthin geführt. So, wie es im Leben doch oft ist, wenn wir unserem eigenen Fluss folgen.
Der Besuch bei der Grossmutter ist schlussendlich eine Initiation: Eine Einweihung und Einführung in das alte Wissen, das von Generation zu Generation gehütet und weitergegeben wird.
Obschon Rotkäppchen ihrer Wölfin begegnet ist, muss sich nicht zwischen Natur und Häuslichkeit entscheiden: Ihre Reise führt vielmehr dahin, diese beiden Welten in sich zu vereinen und die Zugehörigkeit in beiden Welten zu spüren.
Das ist die Botschaft, die ich in diesem Märchen gefunden habe. Weit hergeholt? Diese Entscheidung überlasse ich dir. Im Wissen, dass die Märchen keine tote Materie, sondern vielschichtige, lebendige Weisheit sind sich seit jeher mit der Zeit gewandelt haben – man studiere nur die verschiedenen Editionen der Gebrüder Grimm.
Schlussendlich liegt die Schönheit der Märchenarbeit doch darin, in jedem Stoff den Schatz zu entdecken, der für uns persönlich darin verborgen liegt. Und so gestärkt und inspiriert unseren eigenen Lebensweg weiterzugehen.
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Auf meinem Märli-Podcast erzähle ich dir dieses Jahr meine liebsten Märchen der Gebrüder Grimm, wie du sie noch nie gehört hast. Weg mit dem Biedermeier-Mief, her mit zeitgemässen Bildern!
Klingt aufregend? Ist es auch. Es ist mir ein grosses Anliegen, diese Geschichten zu erzählen. Und zwar so, dass sie in unsere Zeit passen, ohne ihre Symbolik zu verlieren. Das Eintauchen in diese Geschichten hat mich in den letzten Monaten stets begleitet; lange habe ich die Märchenbilder auf mich wirken lassen, um tiefe Weisheit von moralischem Zeitgeist zu entflechten. In meinem Blog teile ich meine liebsten Erkenntnisse.
Höre meine Version von Rotkäppchen hier auf maerlipodcast.ch
